Das Fernunterrichtsschutzgesetz ist eines dieser deutschen Gesetze, die niemand kennt, bis er Post vom Anwalt bekommt. Es stammt aus 1977 — einer Zeit, in der „Fernunterricht" Lehrbriefe per Post bedeutete. Aber der Gesetzestext ist breit genug formuliert, dass er auch Online-Kurse, Coaching-Programme und Membership-Modelle erfassen kann.
Für Online-Coaches und Kursanbieter im DACH-Raum ist das ein reales Problem. Und die Frage „Hilft mir eine US LLC?" ist eine der häufigsten, die wir bekommen. Die Antwort ist: Ja, teilweise — aber du musst verstehen, warum und wo die Grenzen liegen.
Was ist das FernUSG?
Das Fernunterrichtsschutzgesetz (FernUSG) reguliert in Deutschland den Vertrieb von Fernunterricht. Es wurde 1977 verabschiedet, um Verbraucher vor unseriösen Fernlehrinstituten zu schützen. Die zentrale Aufsichtsbehörde ist die Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) in Köln.
Das Gesetz verlangt im Kern: Wer Fernunterricht gegen Entgelt anbietet, braucht eine Zulassung der ZFU. Ohne Zulassung sind die geschlossenen Verträge nichtig — der Kunde kann sein Geld zurückverlangen, egal was im Vertrag steht. Dazu kommen Bußgelder von bis zu 10.000 EUR.
Wann greift das FernUSG? Die vier Kriterien
Nicht jeder Online-Kurs ist Fernunterricht im Sinne des FernUSG. Das Gesetz definiert Fernunterricht in § 1 FernUSG über vier kumulative Kriterien. Alle vier müssen gleichzeitig erfüllt sein:
| Kriterium | Erklärung | Beispiel |
|---|---|---|
| 1. Vertrag | Es muss ein Vertragsverhältnis bestehen | Kaufvertrag, Abo, Membership |
| 2. Entgelt | Der Teilnehmer zahlt für die Leistung | Einmalzahlung, Ratenzahlung, Monatsabo |
| 3. Räumliche Trennung | Anbieter und Teilnehmer sind überwiegend räumlich getrennt | Online-Kurs, Zoom-Calls, Videoplattform |
| 4. Individuelle Lernkontrolle | Der Lernerfolg wird individuell überwacht oder kontrolliert | Hausaufgaben-Review, persönliches Feedback, Prüfungen, 1:1-Coaching |
Der entscheidende Punkt ist Kriterium 4: die individuelle Lernkontrolle. Hier scheitern die meisten FernUSG-Anwendungen. Ein reiner Videokurs ohne Feedback, ohne Hausaufgaben-Review und ohne persönliche Betreuung ist in der Regel kein Fernunterricht. Ein Coaching-Programm mit wöchentlichen 1:1-Calls und Aufgaben-Feedback hingegen schon.
Lernkontrolle ist der Schlüssel
Wenn du dein Angebot so strukturierst, dass keine individuelle Lernkontrolle stattfindet — also kein persönliches Feedback auf Aufgaben, keine Prüfungen, keine individuelle Fortschrittskontrolle — fällt dein Kurs nicht unter das FernUSG. Gruppen-Calls, Community-Support und allgemeine Q&A-Sessions gelten in der Regel nicht als individuelle Lernkontrolle.
Warum das für Online-Coaches relevant ist
Die Online-Coaching-Branche im DACH-Raum hat in den letzten Jahren massiv geboomt. High-Ticket-Coaching-Programme für 3.000–15.000 EUR pro Teilnehmer sind keine Seltenheit. Und genau bei diesen Programmen wird es problematisch.
Typisches Setup eines High-Ticket-Coaching-Programms:
- Video-Module zum Selbststudium
- Wöchentliche Gruppen-Calls via Zoom
- 1:1-Coaching-Sessions (individuell)
- Aufgaben mit persönlichem Feedback
- Zugang zu einer Community (Slack, Discord, Skool)
Punkte 3 und 4 sind das Problem. Sobald du individuelle Coaching-Sessions anbietest und persönliches Feedback auf Aufgaben gibst, erfüllst du wahrscheinlich alle vier FernUSG-Kriterien. Die Konsequenz: Du bräuchtest eine ZFU-Zulassung.
Was passiert ohne ZFU-Zulassung?
- Vertragsnichtigkeit: Alle geschlossenen Verträge sind von Anfang an nichtig. Kunden können ihre Zahlungen zurückfordern — inklusive bereits bezahlter Raten.
- Bußgeld: Bis zu 10.000 EUR pro Verstoß.
- Abmahnungen: Wettbewerber und Verbraucherschutzvereine können abmahnen.
- Rückforderungswelle: Ein einziger unzufriedener Kunde, der das FernUSG entdeckt, kann eine Rückforderungswelle auslösen — mit katastrophalen Folgen für dein Business.
In der Praxis sind die prominentesten Fälle bislang gegen große Coaching-Anbieter gelaufen. Aber das Risiko besteht für jeden, der die Kriterien erfüllt — unabhängig von der Unternehmensgröße.
Die Debatte: ZFU-Pflicht vs. Realität
Die Online-Coaching-Community ist in dieser Frage gespalten. Es gibt im Wesentlichen drei Positionen:
Position 1: „Das FernUSG greift immer"
Vertreten von konservativen Anwälten und der ZFU selbst. Jeder Online-Kurs mit irgendeiner Form von Interaktion sei potenziell zulassungspflichtig. Diese Position ist übertrieben — sie ignoriert, dass Kriterium 4 (individuelle Lernkontrolle) eine echte Hürde darstellt, die viele Angebote nicht überwinden.
Position 2: „Viel Lärm um nichts"
Vertreten unter anderem von der „Staatenlos"-Community und einigen pragmatischen Unternehmern. Das Argument: In der Praxis wird das FernUSG kaum durchgesetzt, die ZFU hat weder die Ressourcen noch den politischen Willen, Tausende von Online-Coaches zu verfolgen. Und selbst wenn — die Bußgelder sind moderat.
An dieser Position ist etwas dran. Die ZFU hat tatsächlich begrenzte Ressourcen, und die meisten Online-Coaches operieren seit Jahren ohne ZFU-Zulassung, ohne Konsequenzen. Aber „es passiert wahrscheinlich nichts" ist keine Rechtsberatung — und ein einziger Präzedenzfall kann die Lage über Nacht ändern.
Position 3: „Strukturiere dein Angebot richtig"
Die differenzierteste Position: Passe dein Angebot so an, dass es nicht unter das FernUSG fällt. Keine individuelle Lernkontrolle = kein Fernunterricht = keine ZFU-Pflicht. Diese Position erfordert sorgfältige Strukturierung, ist aber rechtlich die sauberste Lösung.
Wie eine US LLC helfen kann
Hier wird es für DACH-Gründer interessant. Das FernUSG ist deutsches Recht und gilt für Anbieter, die dem deutschen Rechtsraum unterliegen. Ein US-Unternehmen mit Sitz in Wyoming unterliegt grundsätzlich US-Recht, nicht deutschem Recht.
Die Argumentation pro LLC:
- Das FernUSG richtet sich an „Veranstalter von Fernunterricht" — ein US-Unternehmen ohne deutschen Sitz ist kein Veranstalter im Sinne des deutschen Gesetzes.
- Die AGB und Verträge werden nach US-Recht geschlossen, mit US-Gerichtsstand.
- Die Zahlungsabwicklung läuft über Stripe US, in USD, auf ein US-Bankkonto.
- Die ZFU hat keine Jurisdiktion über ausländische Unternehmen — sie kann ein US-Unternehmen nicht zur Zulassung zwingen.
Die LLC-Strategie im Überblick
Die Idee: Du betreibst dein Coaching-Business über eine US LLC mit US-Banking und US-Verträgen. Da das Unternehmen US-amerikanisch ist, greift das deutsche FernUSG nicht. Du brauchst keine ZFU-Zulassung, weil du keinen „Fernunterricht" nach deutschem Recht anbietest. Du bietest ein „Online Education Program" nach US-Recht an.
Klingt elegant. Und für viele unserer Kunden funktioniert es auch — aber nicht ohne Einschränkungen.
Risiken und Grenzen der LLC-Strategie
Lass mich ehrlich sein: Die LLC ist kein magischer Schutzschild. Es gibt Szenarien, in denen die Strategie an ihre Grenzen stößt.
Risiko 1: Du sitzt in Deutschland
Wenn du als natürliche Person in Deutschland lebst und dein Coaching von Deutschland aus durchführst, kann ein deutsches Gericht argumentieren, dass deutsches Verbraucherschutzrecht gilt — unabhängig von der Rechtsform deines Unternehmens. Das EU-Verbraucherrecht (Rom-I-Verordnung, Art. 6) schützt Verbraucher in ihrem Wohnsitzland, wenn der Anbieter seine Tätigkeit auf dieses Land „ausrichtet".
Risiko 2: Deine Kunden sind Deutsche
Wenn 90% deiner Kunden in Deutschland sitzen, dein Marketing auf Deutsch ist, deine Website eine .de-Domain hat und dein gesamtes Business offensichtlich auf den deutschen Markt ausgerichtet ist — wird es schwer zu argumentieren, dass du ein US-Unternehmen bist, das zufällig deutsche Kunden hat.
Risiko 3: Verbraucherklagen in Deutschland
Ein unzufriedener Kunde kann dich in Deutschland verklagen — trotz US-Gerichtsstand in deinen AGB. Deutsche Gerichte tendieren dazu, Gerichtsstandsvereinbarungen in Verbraucherverträgen für unwirksam zu erklären, wenn der Verbraucher dadurch benachteiligt wird.
Wann funktioniert es trotzdem?
Die LLC-Strategie funktioniert am besten, wenn:
- Du international verkaufst — nicht nur an deutsche Kunden.
- Dein Marketing und Content auf Englisch sind (oder zumindest gemischt).
- Die Zahlungsabwicklung in USD über US-Systeme läuft.
- Du keine .de-Domain verwendest, sondern .com oder ähnliches.
- Deine AGB klar US-Recht und US-Gerichtsstand festlegen.
Je „amerikanischer" dein Setup aussieht und ist, desto schwerer wird es für die ZFU oder ein deutsches Gericht, das FernUSG anzuwenden. Aber auch hier gilt: Das ist eine Risikoabwägung, keine Garantie.
Community-Erfahrungen und Staatenlos-Position
In der DACH-Unternehmer-Community wird das FernUSG-Thema kontrovers diskutiert. Christoph Heuermann (Staatenlos) hat wiederholt die Position vertreten, dass das FernUSG in der Praxis ein „Papiertiger" sei. Seine Argumente:
- Die ZFU hat weder Budget noch Personal für flächendeckende Kontrollen.
- Es gibt kaum öffentlich bekannte Verfahren gegen Online-Coaches.
- Die meisten Coaches operieren seit Jahren ohne ZFU-Zulassung — passiert ist nichts.
- Wer nicht in Deutschland sitzt und über eine ausländische Struktur verkauft, ist ohnehin raus.
An diesen Punkten ist etwas Wahres. Aber die Gegenposition ist ebenso berechtigt:
- Es gab Urteile (LG Hamburg, OLG Celle), die das FernUSG auf Online-Coaching angewandt haben.
- Ein einziger unzufriedener Kunde, der die Vertragsnichtigkeit entdeckt, kann eine Rückforderungskaskade auslösen.
- Wettbewerber können das FernUSG als Abmahnwaffe nutzen — und tun es auch.
- „Es ist bisher nichts passiert" ist keine Rechtsberatung.
Die Frage ist nicht, ob die ZFU aktiv nach dir sucht. Die Frage ist, was passiert, wenn ein Kunde sein Geld zurück will und dabei das FernUSG entdeckt. Mit 50.000 EUR Coaching-Umsatz und nichtigen Verträgen hast du ein existenzielles Problem. Edis
Unsere Empfehlung: Die dreistufige Strategie
Basierend auf hunderten Gesprächen mit Online-Coaches und Kursanbietern, hier unsere Empfehlung:
Stufe 1: Angebot FernUSG-sicher strukturieren
Der effektivste Schutz ist, dein Angebot so zu gestalten, dass das FernUSG gar nicht greift. Das bedeutet: Keine individuelle Lernkontrolle. Statt 1:1-Feedback auf Aufgaben bietest du Gruppen-Calls an. Statt individueller Fortschrittskontrolle gibt es eine Community für Peer-Support. Statt Prüfungen gibt es Selbsttests ohne Auswertung durch dich.
Stufe 2: US LLC als rechtliche Struktur
Wenn du Stufe 1 nicht vollständig umsetzen kannst oder willst (weil individuelle Betreuung dein USP ist), gibt die LLC einen zusätzlichen Schutzlayer. Du bist dann ein US-Unternehmen, das US-Recht unterliegt. Die ZFU hat keine direkte Handhabe. Kombiniere das mit US-Banking, USD-Zahlungen und englischsprachigem Marketing, um die Argumentation zu stärken.
Wie du eine US LLC als Deutscher gründest, steht in unserem Komplett-Guide. Für die Zahlungsabwicklung über die LLC: Stripe mit US LLC einrichten.
Stufe 3: Rechtsberatung holen
Wenn du High-Ticket-Coaching (>3.000 EUR) an überwiegend deutsche Kunden verkaufst, hol dir eine individuelle Rechtsberatung. Nicht von einem allgemeinen Anwalt, sondern von jemandem, der sich mit Fernunterrichtsrecht und internationalen Strukturen auskennt. Die 500–1.000 EUR für ein Gutachten stehen in keinem Verhältnis zum Risiko.
Wir helfen dir beim Setup.
Sauber von Anfang an.
LLC-Gründung, US-Banking, Stripe-Integration — alles, was du brauchst, um dein Coaching-Business rechtssicher über eine US-Struktur zu betreiben.
LLC Setup ansehen →GmbH vs. LLC für Coaches: Der direkte Vergleich
| Aspekt | Deutsches Gewerbe / GmbH | US LLC |
|---|---|---|
| FernUSG-Anwendbarkeit | Voll anwendbar | Argumentation: nicht anwendbar |
| ZFU-Zulassungspflicht | Ja, wenn FernUSG greift | Nein (kein DE-Recht) |
| Stripe-Zugang | Stripe DE (EUR) | Stripe US (USD) |
| Payment-Anbieter | Digistore24, CopeCart, elopage | Stripe, Gumroad, Thrivecart |
| Gründungskosten | GmbH: ~8.000–26.000 EUR | ~200–500 USD |
| Verbraucherrecht | Volles DE-Verbraucherrecht | US-Recht (mit Einschränkungen) |
| AGB-Gestaltung | DE-AGB-Recht (streng) | US-Vertragsrecht (flexibler) |
| Steuerliche Situation | GmbH: ~30% + Ausschüttung | Pass-Through (ESt) |
Für einen detaillierteren Vergleich der beiden Rechtsformen: GmbH vs. US LLC — der ehrliche Vergleich.
Fazit: Pragmatismus statt Panik
Das FernUSG ist kein Grund, dein Coaching-Business aufzugeben. Aber es ist ein Grund, dein Setup sauber zu machen. Die Kombination aus FernUSG-sicherer Angebotsstruktur (keine individuelle Lernkontrolle) und einer US LLC als rechtlicher Rahmen ist die pragmatischste Lösung für DACH-Coaches, die international verkaufen wollen.
Die reine „Ich ignoriere das einfach"-Strategie funktioniert — bis sie nicht mehr funktioniert. Und dann stehst du mit nichtigen Verträgen, Rückforderungsansprüchen und einem Business-Modell da, das auf Sand gebaut ist.
Meine Empfehlung: Strukturiere dein Angebot richtig, gründe eine LLC für die internationale Positionierung und das US-Banking, und hol dir bei High-Ticket-Modellen eine individuelle Rechtsberatung. Das kostet dich ein paar hundert Euro und ein paar Stunden Arbeit — und gibt dir die Sicherheit, die du brauchst, um dich auf dein Coaching zu konzentrieren.